Guten Morgen Chioggia! Relativ gut ausgeschlafen und ein wenig aufgeregt robbten wir uns aus dem Auto und machten uns stadtfein. Heute stand Venedig auf dem Plan. Schon am frühen Morgen sammelte Danilo ein paar Karmapunkte, als er kurzerhand mit seinem üblichen Charme einer älteren Dame das Fahrrad reparierte. Das konnte ja nur ein guter Tag werden!
Zunächst mussten wir ein Stückchen gehen, um auf die Insel zu kommen, von wo aus die Fähre uns über Stadt, Land und Fluss in die Stadt der Gondeln bringen würde. Dort nahmen wir zu allererst ein kleines Frühstück ein, denn wer will schon Boot auf leeren Margen fahren?
In einem kleinen Café direkt am Eingang der Insel bekamen wir 2 gefüllte Croissants und einen Kaffee mit ordentlich Bumms dahinter. Jetzt waren wir wahrhaftig wach und suchten den Ablegeplatz der Fähre auf. Mit einem Ticket für stolze 40 Steine hin- und zurück waren wir dabei. Bald kam die Fähre und mit etwas grober Gewalt drückten wir uns mit all den anderen tausend Passagieren on board. Mensch, war das gemütlich! Und die rochen auch alle so gut! Welch ein Glück dauerte die Überfahrt nur 75 Minuten und beinhaltete eine Bootsfahrt, eine Fahrt mit dem Bus, der auch Boot fahren musste und anschließend noch eine Bootsfahrt. Hach, so ein Spaß! Nass geschwitzt und platt wie die Heringe fielen wir schließlich aus der dritten Fähre und standen wackelig und durstend mitten in Venedigs historischem Zentrum. Der Andrang an Menschen wurde uns langsam aber sicher zu viel, also gingen wir jedem Schirm, jeder Blume und jedem Kuscheltier, die an der Spitze einer jeden Menschentraube in die Höhe ragten, aus dem Weg und verkrochen uns schnell in die kleinen Gässchen, die jede Menge interessanter Geschichten erzählen konnten. An jeder Ecke fand man Wasserkanäle, kleine Brücken, hunderte romantisch verzierte Balkone, zahlreiche kleine Läden mit antiker Waren und Souveniers, duftende Restaurants, die uns an der Nase durch die Eingangstüren ziehen wollten und Gondeln. Ganz viele Gondeln. Mein persönlicher Lieblingsladen war schnell gefunden. Dort verkaufte man alte Schreibfedern, Stempelkissen, Tintenfässchen, Tagebücher, wunderschönes Briefpapier...ach ihr ahnt es nicht, wie mein kleines Herz anfing schneller zu schlagen! Ich konnte mich ja kaum aus den 10qm Ladenfläche retten, ohne zig Male "oooooh", "aaaaah" und "uiii, nein! Schau doch mal!" zu sagen. Doch Danilo rettete mich, oder besser gesagt meinen Geldbeutel, bevor ich alles leer kaufen konnte. Ich sollte später noch einmal wiederkommen...
Stunde um Stunde liefen wir durch die Straßen und Gassen, bewunderten die Hausfassaden und das Konstrukt der Wasserbahnen, die sich so still und elegant durch die Häuserketten schlängelten. Irgendwann hörten wir Musik aus einer Ecke, der wir folgten, und fanden in einem riesigen Hinterhof ein ebenso riesiges Gebäude. Eine Musikschule.
Klavier und Operngesang. Wir lauschten eine Weile im Schatten dieses schönen, alten und pompösen Gebäudes mit uralten Malereien an den Zimmerdecken und ließen uns von der lähmenden und zugleich angebeteten Hitze in die Knie zwingen.
Nach einer Weile waren unsere Harmonieakkus wieder voll aufgeladen und wir gingen weiter auf Entdeckungsjagd. Es ist faszinierend, denn immer wenn man denkt, man hätte nun alles gesehen, biegt man in eine noch unbewanderte Gasse ein und findet den nächsten wunderschönen Platz, das nächste architektonische Meisterwerk, den nächsten fesselnden Aussichtspunkt. Zwischen einsamer Stille und wildem Halligalli war alles zu finden.
Am Ende des Tages kann man sagen, wir haben alles getan, was wir uns vorgenommen hatten zu unterlassen: In Venedig Essen gehen, viel Geld ausgeben, etwas in einem der putzigen Läden kaufen. Doch den Geldgedanken, so verschwenderisch es auch klingen mag, muss man hier einfach für einen Tag lang ausschalten und den Zauber des Genießens als oberste Priorität festsetzen. Machen anstatt Nachdenken. Gelüsten folgen und Bedenken ausblenden. Natürlich in einem gesunden Rahmen.
Wie fällt nun das Resultat aus? Nun ja. Ich habe eine Nacht gebraucht, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Auch wenn es zunächst eine ziemliche Tortur war die Insel überhaupt zu erreichen, dazu einen guten Batzen Geld auf den Tisch zu legen, war all die anfängliche doch nicht von Nöten. Die Schnappatmung der vielen Touristen wegen legte sich schließlich auch, denn wenn die Masse nach rechts rennt, muss man bloß nach links abbiegen und schon hat man seine Ruhe. Das klingt viel zu einfach? Ja, aber genau so funktioniert es. Schlussendlich betrachte ich Venedig ab dem heutigen Tage als wahnsinnig schöne Stadt. Warum? Weil sie alt ist. Weil sie schief und krumm ist. Weil sie unperfekt ist. Weil sie klein, gar winzig und zugleich groß, ja riesig ist. Sie hat viele von diesen besonderen Plätzen, die zum ewigen Verweilen einladen. Die Plätze am Wasser, in das man Löcher starren kann. Sie ist umgeben von fließendem Wasser. Das macht sie zu einer bewegten, niemals stehenden, aber trotzdem stillen Stadt. Sie ist für so manch eine Überraschung gut. Sie ist nicht aufdringlich. Sie ist nicht hektisch. Sie ist romantisch, zeitlos und kitschig. Ich mag sie.
Als wir am Abend ziemlich erschöpft von der Rückfahrt zurück zum Auto kamen, waren wir wie ausgehungert. Eine Dusche und ein Salat aus Allerlei halfen uns wieder auf die Beine, denn die Tagesendstation war noch nicht erreicht. Wir packten alles fein säuberlich zusammen und verabschiedeten uns von unseren Nachbarn. Einem alten, goldigen Pärchen in ihren besten Jahren. Ich meine wir waren ebenso entzückt von ihnen, wie sie es von uns waren. Dabei waren wir doch so gleich, bloß lagen minimum 50 Jahre Altersunterschied zwischen uns. Wie oft sieht man Menschen in diesem Alter noch so fit, munter und verliebt? So glücklich und zufrieden auf einem einfachen Schotterparkplatz ohne Komfort? Ebenso bewunderten die Beiden uns, wie wir es wohl schafften auf so engem Raum zu leben. Tja, so einfach und so schön kann es sein, wenn man lernt zu verzichten und wertzuschätzen, was wirklich wichtig ist. Amen! :)
Impressionen des Tages:


















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