Montag, 18. Juli 2016

Eine Synapsenparty in luftigen Höhen

Tag 4
Unauffällig aufstehen, zusammenpacken und wegfahren, bevor noch jemand merkt, dass wir hier übernachtet haben...MIEP!!!MIEP!!!MIEP!!! Die Alarmanlage unseres 4-Sterne-Hotels sprang plötzlich an und innerhalb von 10 Sekunden war unser Plan dahin. Alle guckten, doch keiner sagte etwas und wir sahen daher zu, dass wir Land gewannen. 

In dem kleinen Städtchen suchten wir uns ein Café und frühstückten eine südtirol-italienische Kleinigkeit - das Stück Kuchen: 4€. Allmählich kamen die ersten Sprachbarrieren auf. Man wusste einfach nicht, welche Sprache angebracht sei, denn Deutsch sprach hier doch nicht mehr jeder. Mit Englisch lag man aber nie falsch.
Anschließend suchten wir uns einen Weg zum Garda See. Dieser führte uns über den Passo dello Stelvio. Leute, ich kann euch sagen...das ist ein Vieh! Eine Murmelbahn ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel gegen diese Verkehrsführung! Die Serpentinen sind derart steil und uneinsehnlich, dass wir beide mit unseren Köpfen aus dem Fenster hingen wie 2 Langhaardackel und versuchten einen Überblick in Fahrtrichtung zu erhaschen, denn es waren auch nicht gerade wenige risikobereite Motorradfahrer unterwegs. Die Straßen teilweise so eng, dass es für 2 entgegenkommende Autos unmöglich war aneinander vorbei zu kommen. Da macht sich die Übung des vorausschauenden Fahrens im vollen Maße bezahlt. Jede freie Sekunde, die wir nicht mit Aufpassen beschäftigt waren, klebten unsere Blicke in der Ferne. Die Look Outs waren noch extremer als die Tage zuvor. Wir bewegten uns stetig auf +/- 2000 Höhenmetern und wurden mit Staunen und Glotzen kaum mehr fertig. 







Mehrmals fuhren wir an kleinen Schneefeldern vorbei. Das eine Mal konnte ich mich nicht zurückhalten und hüpfte barfuß in das eisig kalte Weiß hinein. Eine Schneeballschlacht im Sommer - nicht schlecht, oder? Während die Temperaturen unten im Tal an der 30-Grad-Marke kitzelten, schafften wir es hier oben ganz knapp an die 15 Grad.
Nach stundenlangem Serpentinenfahren war uns beinahe schwindelig geworden, darum war es gut, dass die vielen Aussichtspunkte uns regelmäßig zu kleinen Pausen zwangen. Während wir schon nur beim Stehen und Überblicken der Pracht und gewaltigen Ausstrahlung der Alpenlandschaft ins Schwitzen gerieten, fuhren sich hinter uns einige Sportverrückte die Gummireifen heiß. Kaum zu glauben, dass sich so viele Leute diese endlose, aber wenigstens asphaltierte Schlangenlinie mit Mordssteigung hinaufquälen. Es wimmelt ja quasi nur so von bekloppten Fahrradfahrern, die das Teil mit eigener Kraft bezwingen! Sogar viele Herrschaften, die schon einige Jahre mehr auf dem Buckel haben. Ich wette es wären aber genau diese, die mich bei dem Versuch ihnen hinterher zu kommen in eine dicke Staubwolke hüllen und mir Bier trinkend und relaxt entgegen lachen würden, wenn ich Stunden später nach ihnen den Gipfel erreichen würde. Ebenso aber auch die Jungspunde, die ihre Spielekonsole glücklicherweise gegen einen Metallrahmen mit 2 Rädern getauscht haben und sich lieber in Wirklichkeit in ein Abenteuer stürzen als virtuelles Heldentum zu erlangen.
Als ich den Kampf in all ihren Augen und die Schweißperlen auf der Stirn sah, den verbissenen Willen und die Pulle Adrenalin, die ihnen half den nagenden Schmerz in den Beinen und der wunden, nach Luft japsenden Lunge zu vergessen, da wünschte auch ich mir nichts sehnlicher als auf dem Sattel eines Drahtesels zu sitzen und in der gleichen Schlacht zu kämpfen wie all diese verbissenen Cippolinis hier! Wie muss es sich wohl anfühlen eine solche Leistung zu erbringen? Wie gut muss erst das Belohnungscappuccino und ein ordentliches Stück Schokoladenkuchen auf 2.725 Metern Höhe schmecken? Wie stolz fühlt sich der Muskelkater am nächsten Tag an? Und wie armselig kommen einem die ganzen faulen Touristen dann vor, die mit ihren klimatisierten Autos ohne jegliche Mühe hier hochfahren und den dicken Po nur mal eben für ein Foto aus der Karre bewegen? Beinahe hätte ich ein schlechtes Gewissen bekommen...und deswegen: Der nächster Punkt für die bucket list: der Passo dello Stelvio- check!
Doch für heute blieben wir faule Touristen und tuckerten weiter hoch und runter, rauf und herab. Wir brauchten Stunden bis wir wieder ins Tal kamen. Auf dem Weg nach unten kreuzte uns plötzlich ein riesiges Knäul aus weichen, flauschigen Meckerwölkchen - eine Schafsherde, die gerade von einem waschechten Schäfer mit verschmitztem Blick und Grashalm zwischen den abgekauten Vorderzähnen und seinem Schäferhund über den Berg getrieben wurden.


Am frühen Abend schafften wir es irgendwie doch noch bis zum Gardasee. Nun mussten wir nur noch ein Plätzchen finden, an dem wir uns niederlassen könnten. Und das war leichter gesagt als getan. Einige Campingplätze waren längst ausgebucht aber bei Aquacamping fand sich noch eine maßgeschneiderte Parklücke, in die wir uns dankbar hineinschmiegten. Umgeben von schattenspendenden Olivenbäumen und einem ohrenbetäubenden Streichkonzert von italienischen Grillen bot sich ein äußerst hübscher Anblick auf den See.

Der Besitzer war sehr freundlich und überaus gelassen. Sogar so sehr, dass er uns einen Sonderpreis machte, da wir ja kaum etwas beanspruchten. Ein durchweg guter Tag und genau so ging er auch langsam dem Ende zu. Wir drehten eine kleine Runde zu Fuß und schauten uns an, wo wir gelandet waren. Wir waren in Porto. Welch lustiger Zufall, so ist ein anderes Porto doch das Ziel meines im September anstehenden Auslandssemesters. Vielleicht war das nun ein kleiner Vorgeschmack? ;)

Wir ließen ein paar Steine ins Wasser flitschen, genossen die abendliche Nachhitze und kühlten die dicken Käsefüße im glasklaren Seewasser.




Impressionen des Tages:
Ein paar Freunde am Wegesrand



Mittagessen mit Ausblick!
Servizio Glaciologico Lombardo

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen