Nach dem schönen Tag in Venedig hatten wir nun die Aufgabe einen Schlafplatz zu finden. Um heute weniger Fahrtzeit zu haben, fuhren wir bereits gestern Abend noch ein gutes Stück weiter und hielten bald Ausschau nach einem dunklen, ruhigen Ort zum Nächtigen. Diese Aufgabe stellte uns ungeahnter Weise vor eine gewaltige Herausforderung. Nach bald einer Stunde fanden wir in einem Wohngebiet einen großflächigen, sehr bewachsenen Parkplatz mit viel Sichtschutz. Trotzdem entdeckte uns ein Anwohner und beobachtete uns dabei, wie wir parkten und das Auto präparierten. Irgendwie sehr gruselig, denn er glotzte nur, rührte sich aber keinen Zentimeter und sagte auch nichts. Wir hielten es für das beste ihn einfach zu ignorieren und uns schlafen zu legen.
Die Nacht war unruhig, heiß und stickig. Da wir den Kofferraum in dieser Gegend nicht offen lassen wollten, mussten wir uns mit den kleinen Luftschlitzen am Fensterrand zufrieden geben. Über jeden kleinen Luftstoß, der sich durch die 2 cm große Öffnung presste, waren wir heilfroh und saugten den kühlen Wind schnaubend und röchelnd ein. Leider kam mit jeder kurzen, frischen Prise auch ein Schwarm Stechmücken mit ins Auto geschwemmt und so war die Freude gleich wieder im Keim erstickt. Welche Wahl konnte man jetzt schon treffen? Die Optionen standen auf Hitzeschlag in Verbindung mit Erstickungstod oder Kampf der Mücken. Über die Zeit wurden wir Herr der Fliegen.
Dieses fiese, bedrohliche Geräusch kleiner Flügelchen, die durch die heiße, stehende Luft zappeln, welches die Augenlieder hochfahren und die Ohren spitzer als jene eines Luchses werden lässt. Das helle, alles übertönende Summen, das erst dich aus tiefstem Schlafe, dann einen tierischen Trieb in dir weckt, die Pupillen schmal werden lässt wie bei einer Katze und dich in Lichtgeschwindigkeit nach einer beliebigen Waffe greifen lässt, irgendein halbwegs stabiler Gegenstand in unmittelbarer Reichweite, um die Bedrohung ohne einen klaren Gedanken zu fassen oder schlechtes Gewissen zu hegen an der Autoscheibe platt zu schlagen. Nur einer kann den Kampf gewinnen und diesmal bist du es. Und dann siehst du in den zerquetschten Überresten dieses kleinen, hemmungslosen Saugers dein eigenes Blut, dass dir geklaut wurde. Umso größer ist die Genugtuung dem Feind eigenhändig jegliches Lebenslicht ausgeknipst zu haben. Das Tier allerdings rächt sich noch lange nach seinem Ableben; der Juckreiz an der Einstichstelle bleibt und belästigt noch einige Tage, doch dann ist das Massaker vergessen. Erst beim Scheibenputzen fällt dir auf, wie viele Kämpfe du in der Nacht gewonnen hast.
Wir entschieden uns alle 10 Minuten um, Fenster auf, drei Tote an der Autoscheibe, Fenster zu, Luftnot, Fenster auf...bis die Sonne den Horizont berührte. Dann war es vorbei mit unserer Geduld und wir zogen schweißnass, sauerstoffunterversorgt und zerstochen ab.
Eine Entschädigung für die schlaflose Nacht musste her. Darum suchten wir, nachdem wir uns irgendwie in mitten eines Maisfeldes die Wunden geleckt und uns etwas frisch gemacht hatten, ein Café auf. Hier in Aprilla Marittima sollten wir mit Koffein und einem ausgiebigen Frühstück die Geister des Lebens zurückrufen. Und, oh ja, der Kaffee belebte jede einzelne Körperzelle! Die Bedienung und die anderen Gäste waren so goldig, dass wir sofort gute Laune schöpften und wieder bester Dinge waren. So konnten wir nun also taufrisch und putzmunter in den Tag starten.
Weiter unserer Route folgend passierten wir bald die Stadtgrenze von Trieste. Eigentlich wollten wir uns hier für ein paar Stunden niederlassen, doch wir fanden kleinen Platz, der uns zugesagt hätte, also zogen die Zugvögel weiter. Weiter nach Slowenien und weiter nach Kroatien und damit in deutlichen Vorsprung zu unserer Planung.
Als wir langsam aber sicher die Abendstunden ankratzten, hielten wir wie gewohnt Ausschau nach einem Stellplatz. An einem großen Campingplatz in Umag stoppten wir. Der sah nämlich ganz annehmlich aus und lud uns mit schattigen, weitläufigen Waldplätzen regelrecht ein. Auf gut Glück fragten wir an der Rezeption nach, wie tief wir für eine Nacht in dieser Oase wohl in unseren einzig mit Euro gefüllten Geldbeutel greifen müssten. Die Antwort verschlug uns kurz die Sprache. Bisher hatten wir keinen Stellplatz unter 30 Euro pro Nacht ausfindig machen können. Dieser hier aber verdutzte uns um Weiten mehr, als die Dame uns erklärte "this one night is for free". Das war ja wohl ein Ding! Nichts wie rein da! Warum wir für die Nacht nichts zahlen würden, sollte sich noch herausstellen...
Überwältigt von unserem gutmütigen Schicksal suchten wir uns einen Platz und bauten auf.
Je tiefer sich der dunkle Schleier der Nacht in die Baumkronen legte, desto mehr kamen die soeben noch zahmen Jugendlichen aus ihren Löchern gekrochen. Darum entschlossen wir uns nach unserem Abendritual, bestehend aus einem einfachen Abendessen und einer wiederbelebenden Dusche, einen kleinen Spaziergang zu machen.
Auf der anderen Seite der Straße hörten wir doch Musik; mal schauen, was da los ist. Zum zweiten Mal an diesem Abend wurden unsere Lungen gründlich durchgelüftet, da wir den Mund vor Staunen nicht mehr zubekamen. Wir hatten ja keine Ahnung, dass wir auf einer riesigen, wirklich gigantisch großen Anlage gelandet waren! Ein riesiger See in der Mitte des Geländes mit Wasserpark, drum herum ein Kletterpark, eine kleine Kettcar,-Strecke, eine Lounge neben der nächsten, sogar ein Tennisstadion, in dem gerade die Croatia Open ausgetragen wurden, Livemusik, Spielehöllen, eine Open Air Discothek...der blanke Wahnsinn! Sogar Wasserbecken, in denen diese kleinen Fischchen schwammen, um die überschüssige Haut an den Füßen abzuknabbern! Da hätten sie bei uns ja reichlich zu tun gehabt. Um den kleinen Unterwassernagern ein Burnout zu ersparen, verzichteten wir lieber auf dieses verlockende Angebot und ließen uns lieber von all den Lichtern, Eindrücken und der Musik in ein anderes Universum tragen.
Bald hatten wir genug gesehen und traten den Heimweg an. Zurück an unserem Platz zeigte sich ein interessantes Phänomen: Die restlichen Jugendlichen waren mittlerweile aus ihrem Koma erwacht und plötzlich äußerst lebendig. Angezogen, als würden sie gleich auf einer Gala einlaufen; kurze Kleidchen, Stöckelschuhe auf Waldboden, grölende Halbstarke, die lautstark die Nacht einläuteten und am liebsten ihren Hahnenkamm vor Ergötzung aufgestellt hätten und der süßliche Geruch von alkoholischen Softdrinks. Dazu ohrenbetäubender Lärm von Techno und kroatischer Volksmusik im schwindelerregenden Wechsel. Ohne Gnade. Als ich auf den kleinen, zuvor so unscheinbaren Golf zusteuerte, aus dem die Lärmbelästigung mit zurückstoßenden Schallwellen dröhnte, wollte ich den Herrschaften in etwas unsanften Ton mitteilen, was sie womöglich schon wussten und in ihrem jugendlichen Verlangen nach Ekstase und steuernden, pubertären Paarungsdrang einfach ausgeblendet hatten, dass sie nicht alleine auf diesem großen Platz, voll mit Familien und kleinen Kindern, waren. Doch die Musik war so laut, dass ich selbst mit lautem Schreien nicht annähernd an die Gehörgänge dieser barbarischen Meute hervorstoßen hätte können. Danilo übernahm daraufhin das Steuer und wir liefen zurück zur Rezeption, denn nun wussten wir, warum der Platz nur kostenfrei vergeben werden konnte. Die junge Frau sah uns unser Übel schon an als wir die Tür öffneten und verkündete, wir könnten uns irgendeine andere Stelle auf diesem Campingplatz aussuchen. Viel Glück. "Welcome to the jungle", das waren ihre Worte und dabei wusste sie nicht, ob sie uns oder sich selbst mehr bemitleiden sollte.
Bald hatten wir genug gesehen und traten den Heimweg an. Zurück an unserem Platz zeigte sich ein interessantes Phänomen: Die restlichen Jugendlichen waren mittlerweile aus ihrem Koma erwacht und plötzlich äußerst lebendig. Angezogen, als würden sie gleich auf einer Gala einlaufen; kurze Kleidchen, Stöckelschuhe auf Waldboden, grölende Halbstarke, die lautstark die Nacht einläuteten und am liebsten ihren Hahnenkamm vor Ergötzung aufgestellt hätten und der süßliche Geruch von alkoholischen Softdrinks. Dazu ohrenbetäubender Lärm von Techno und kroatischer Volksmusik im schwindelerregenden Wechsel. Ohne Gnade. Als ich auf den kleinen, zuvor so unscheinbaren Golf zusteuerte, aus dem die Lärmbelästigung mit zurückstoßenden Schallwellen dröhnte, wollte ich den Herrschaften in etwas unsanften Ton mitteilen, was sie womöglich schon wussten und in ihrem jugendlichen Verlangen nach Ekstase und steuernden, pubertären Paarungsdrang einfach ausgeblendet hatten, dass sie nicht alleine auf diesem großen Platz, voll mit Familien und kleinen Kindern, waren. Doch die Musik war so laut, dass ich selbst mit lautem Schreien nicht annähernd an die Gehörgänge dieser barbarischen Meute hervorstoßen hätte können. Danilo übernahm daraufhin das Steuer und wir liefen zurück zur Rezeption, denn nun wussten wir, warum der Platz nur kostenfrei vergeben werden konnte. Die junge Frau sah uns unser Übel schon an als wir die Tür öffneten und verkündete, wir könnten uns irgendeine andere Stelle auf diesem Campingplatz aussuchen. Viel Glück. "Welcome to the jungle", das waren ihre Worte und dabei wusste sie nicht, ob sie uns oder sich selbst mehr bemitleiden sollte.
Gesagt, getan. Wir parkten um. Der dröhnende Bass war selbst nach einem halben Kilometer noch zu spüren, doch hier würden wir es irgendwie bis morgen aushalten.


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