Dienstag, 2. August 2016

Sinnesorgane

Tag 19

Augen auf und raus aus den Federn! Der Watzmann wartet!
Nach einem gesunden Müsli-Joghurt-Frühstück banden wir die Schnürsenkel unserer "Wanderschuhe" fest, schnallten die Rucksäcke auf den Rücken, zogen alle Striemen stramm und los. Wir hatten ja keine Ahnung, dass der erste Wanderweg zur Grünsteinhütte einen Herz-Kreislauf-Fitnesstest umfasste. Na dann, guten Morgen auch!

Ab und an fiel mir ganz schön die Puste und heute war es auch nicht gerade kalt, also kam ich nach nur wenigen Minuten ganz schön ins Schwitzen. Auch die Wanderausrüstung ließ zu wünschen übrig. Unsere guten Wanderschuhe staubten zu Hause ein, während wir uns mit unseren ausgelatschten Straßenschuhen zufrieden stellen mussten. Flip hatte leider keinen Millimeter Stauraum mehr für richtige Schuhe hergegeben und so mussten unsere Vans herhalten. Mit ein paar Ausfallschritten, Schweißperlen auf der Stirn und keuchend und schnauben erklommen wir also die erste Hütte und rasteten für eine Weile. Der Blick durch die Gipfel zeigte uns den Königssee, der Dank des klaren und sonnigen Wetters heute in ganz neuen Farben erschien. 

Die so eben noch gehabte Schnappatmung verlangsamte sich, der Puls ging Richtung Normalfrequenz, nun konnte es weitergehen. Als Sahnehäubchen zu dem hier schon tollen Ausblick wollten wir nun den Grünsteingipfel erklimmen. Nach einer guten Viertelstunde war auch das geschafft und Freunde, das hat sich gelohnt! Kaum oben angekommen, fiel all die Anspannung im Gesicht und der Druck auf den zusammengepressten Zähnen ab, die Anstrengung löste sich und die Augen wurden groß von der unfassbaren Aussicht, die wir jetzt genießen durften. Wohin das Auge reichte, grüne, weiche, samtige Wiesen, Blumen in allen Farben, auf denen dicke Hummeln thronten, schlumpfblauer Himmel und der gelbe, große Ball, der sogar unseren Endorphinen selbst Glücksgefühle bereitete. Ein Zustand der vollkommenen Freude und Dankbarkeit. 





Für eine halbe Stunde bewegten wir uns nicht vom Fleck, sahen andere Wanderer kommen und gehen. Uralte, wacklige Gestalten, die sich jeden Zentimeter Anstieg gemeinsam ans Ziel erarbeiteten, sich gegenseitig die letzte Kraft teilten, um dann auch in die gleiche Gefühlslage, man kann schon fast von Trance reden, zu verfallen, in der wir uns gerade befanden. Wo man eben noch bangte, dass diese alten Leutchen nicht gleich das Zeitliche segnet, weil sie jegliche Lebensgeister eingesetzt hatten, um die letzte Steigung zu bewältigen, strahlte jetzt das blühende Leben, als könne ihnen rein gar nichts etwas anhaben. Der gequälte und verbissene Ausdruck war verschunden, dafür umgab sie nun ein Schein der Unsterblichkeit. Faszinierend waren auch die Kletterer. Während wir uns auf gesicherten Wegen an den Rand unserer Möglichkeiten getrieben hatten, waren die 4 Franzosen die gesamten Höhenmeter an den steilen Felswänden hinaufgeklettert. In voller Montur kamen sie plötzlich aus dem Nichts den Gipfel hinaufgekrochen und freuten sich auf ihre wohlverdiente Mittagspause.

Die Lungen vollgepumpt mit tiefenfrischer Bergluft und gefülltem Energiespeicher fanden wir Elan den nächsten Wanderweg zu besteigen. Dieser führte uns, weit entspannter als der erste Marsch, auf die Kühroint-Hütte. 
Diese Hütte, und ich verfalle jetzt noch in pure Euphorie, wenn ich nur an sie denke, war das, was sich ein jeder Wanderer nur erträumen kann! Zunächst eine Berghütte mit Schlafmöglichkeiten, einem Restaurant und erstklassiger Sicht auf den wehrten Watzmann. Knapp daneben eine weitere Holzhütte mit Hängematte, Kühen und Kälbern ringsherum, so aufgeweckt und aktiv, dass man sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen konnte. Bocksprünge, Zungenakrobatik, die ersten Muh-Versuche und wildes Kälber-Getobe in luftigen Höhen.





Wir hätten für immer hier bleiben und das Spektakel ansehen können. Doch unser Wandertrip war hier noch nicht zu Ende. Den Watzmann selbst konnten wir mit unserer Ausrüstung nicht bezwingen. Leider. Aber dennoch, ein weiteres Ziel hatten wir noch: die Archenkanzel.
Der Weg war recht einfach und angenehm zu laufen. So hatten wir massig Gelegenheit die Natur zu beobachten und zu bestaunen. Wie lebendig und gleichzeitig ruhig es hier oben war. Blieb man kurz stehen, so hörte man nichts. Doch wenn sich die Ohren an die Stille gewöhnt hatten, dann hörte man das Rauschen in den hohen Ästen, das Summen der winzigen Flügelchen der Bienen und Hummeln, das entfernte Klingeln der Kuhglocken, das uns verriet, dass auch hier wieder irgendwo eine Herde Gras kauender Dickhäuter den Rasen mähten und dabei frische Milch produzierten. 


Ja, hier war einer der Orte, an denen man all seine Sinnesorgane gleichzeitig einsetzen konnte. Plötzlich war die Hirnrinde ganz schön gefordert all die Informationen zu verarbeiten, die in wahnsinniger Fülle und Schnelle hineindrangen. Hier war die Luft dünn und rein. Der Stress und der Alltag, die die Poren unserer Gehirne im normalen Leben verstopfen, waren weit entfernt und endlich konnten die Gedanken ganz frei und unbeschwert durch die Hirnzellen tanzen und Eindrücke formen. Der Thalamus war ganz und gar auf die Schönheit der Berge und Natur fixiert. 

Hören - Die Stille der Berge. Das Zwitschern der einzelnen Vögel, die ihre Freiheit genießen. Das sanfte Knacken der Äste, die sich unter unseren Schuhen verbiegen und brechen. Das Schlagen der watteweichen, gepuderten Schmetterlingsflügel.

Sehen - Den unendlichen Farbkasten der Natur. Farbnuancen. Farbspiele. Die Macht und die Gewalt der Berge, dieser kolossalen, in den Himmel ragenden, spitzen, grauen Giganten.

Riechen -  Die kalte, reine Bergluft. Den Duft der Blumen und blühenden Sträucher. Den feuchten, weichen Waldboden, bedeckt mit Nadeln und Laub. Das klamme Moos auf den Steinen am Wegesrand und an den Felswänden. Hier und da auch mal der Geruch eines Kuhfladens - auch das gehört dazu.

Fühlen - Den weichen, federnden Waldboden. Das flaumige Moos, auf dem sich die kleinen, glänzenden Tautropfen ausruhen. Die schwerelose Luft, durch die ich meine Arme schwinge. Die leichte, korkige Baumrinde in ihrer makellosen Struktur.

Schmecken - Ja, sogar schmecken kann man diesen besonderen Ort. Wobei sich der Geschmack ganz schwierig beschreiben lässt. Er schmeckt nach Frische, die durch die schattenspendenden Bäume und Blätter abgegeben wird. Auch eine Idee an feuchtem Holz lässt sich herausschmecken. Er schmeckt nach langen, saftigen Grashalmen und süß wie Blütenhonig. Er schmeckt nach nichts und doch nach allem. Und wo wir schon bei schmecken sind - eine Bergwanderung schmeckt natürlich auch nach einer herzhaften Mahlzeit:

Jetzt aber zurück zur Archenkanzel:


Unser Ausflug näherte sich dem Ende und wir mussten den Abstieg antreten. Der war mit solchem Schuhwerk beschwerlicher als gedacht. Mehr rutschend als gehend verloren wir an Höhenmetern. Beim Versuch die Balance zu halten, wurden plötzlich Muskelpartien angesprochen, die man so eher wenig benutzte und so konnten wir uns morgen bestimmt auf einen saftigen Muskelkater einstellen.

Auf der Hälfte des Weges trafen wir auf eine junge Dame, die wohl irgendetwas zu suchen schien. Von weitem schon hatten wir sie gehört, nun kam sie uns immer näher und rief lautstark den Pfad hinauf. Erst jetzt erkannten wir, dass sie nach den Kühen rief, die hier lagen und ihr Leben genossen. Was die Dame da rief, waren nicht etwa irgendwelche Namen oder Kommandos, es war das Lied zum Eintreiben der Herde, durch das die Leitkuh, eben jene mit der großen Glocke am Hals, sich erhebt und die anderen Kollegen ihr folgen. So in der Theorie. Die junge Frau war nur eine Vertretung für die eigentliche Sängerin, die die Herde normalerweise mit lautem Gesang von der Wiese lockte. Doch die war zurzeit im Urlaub und so versuchte ihre Vertretung mit Glück und Mühe die gemütlichen Tiere zum Marschieren zu bewegen, was nur mäßig gelang.



Was sie wohl denken mag...?

Wir schlossen uns an und folgten Vieh und Frau im Gleichschritt. Doch irgendwann lösten wir uns von unseren liebgewonnenen Freunden und gingen einen Schritt schneller, um bald wieder unten abzukommen.
Unten heißt hier immer noch auf guter Höhe, doch hier stand Flip und brachte uns zurück ins Tal.

Bevor wir die Gelegenheit hatten noch einmal in die Stadt zu gehen und dort hängen zu bleiben, nahmen wir eine andere Abzweigung und folgten der Straße bis nach Freilassing. Dort gab es einen kostenlosen Stellplatz für die Nacht, Abendbrot, eine geballte Ladung Kartenspielerei und ein Hörbuch zum Einschlafen. Morgen verlassen wir Deutschland abermals, morgen steht Salzburg auf dem Plan.

Impressionen des Tages:
Ein grandioser Tag im Berchtesgadener Land!
Genau so sieht's aus! :)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen